Wegweiser zum Kirchenfenster von Thomas Jessen aus dem Jahr 2003
St. Pankratius in Westhausen - Sonstiges
Geschrieben von: Rita Reiter   

 

Kirchenfenster

 

 


Das Fenster befindet sich im Kirchenvorraum und wurde im Jahr 2003 von Frau Christa Reiter/Duderstadt durch großzügige Spenden von Freunden, Bekannten und Verwandten, beim Abschiednehmen von ihrem Ehemann Rudi Reiter (1924 -2001) gebürtiger Westhäuser, gestiftet.

 

 

o Der Auftrag

Der Ursprung dieses Fensters liegt in dem Herzensanliegen der Witwe Christa Reiter aus Duderstadt begründet, dieser Kirche St. Pankratius, der Heimatkirche ihres 2001 verstorbenen Mannes Rudi, eine Stiftung zu machen. Dieser Wunsch konnte dank der großzügigen Spenden beim Abschiednehmen Wirklichkeit werden. Der damalige Pfarrer Hermann Bittner und die Stifterin einigten sich zusammen mit dem Kirchenvorstand der Gemeinde auf die künstlerische Ausgestaltung dieses längsrechteckigen Klarglasfensters im Kirchenvorraum. Der Auftrag erging an den in Eslohe lebenden Künstler Thomas Jessen. Er empfand eine große Herausforderung angesichts der relativ kleinen Dimension der Fensterfläche und der nüchternen Architektur des Vorbaues. „Ein spannungsvoller, glaubwürdiger und zudem sinnlich ansprechender Entwurf war nicht leicht zu finden“, notiert er im November 2002 bei der Vorstellung seines Vorschlags an den Auftraggeber. Die thematischen Vorgaben waren beachtlich: Eine „Muttergottes (ohne Kind), die Apostelfürsten Petrus und Paulus (mit den entsprechenden Attributen Schlüssel und Schwert), die hl. Elisabeth von Thüringen (nicht mit Rosen, sondern die Kranken pflegend) und den hl. Bonifatius (die Heiden missionierend). Die Personen sollten nicht bloß nebeneinander stehen, sondern in Beziehung zueinander sein, vielleicht im Gespräch. – Darüber hinaus: Flammen vom Himmel – und schließlich der Text: „Ihr habt den Heiligen Geist empfangen, ihr sollt meine Zeugen sein!“

o Herstellung

Nach Genehmigung durch den Kirchenvorstand wurde der Entwurf des Künstlers Jessen im Jahr 2003 durch die Derrix Glasstudios Taunusstein in deren Zweigniederlassung Blönsdorf in farbigem Glas umgesetzt. Gemalt wurde dieses Glasfenster nach Auskunft von Frau Ursula Rothfuss (Fa. Derrix) vermutlich durch die Mitarbeiterin Jutta Freimuth, die für Herrn Jessen auch einen Fensterzyklus in Höxter meisterlich gemalt hat.

o Beschreibung

Thomas Jessen gibt selber wichtige Hinweise zu seinem Bild: „Die gesamte Art der Darstellung zeigt keine historische Schilderung, sondern eine Vision, ein Geheimnis, ein Gebet – eben: ein Bild.“ „Was ist zu sehen? Eine Mauer öffnet sich zentral, einen Spalt breit, und gibt den Blick auf einen bemalten Innenraum frei. Man erkennt die Muttergottes in der Haltung der Schutzmantel-Madonna, darunter begegnen sich Petrus und Paulus in der Darstellung der sogenannten Apostelversöhnung. … Während Petrus …(links) eher eine demütige Geste annimmt, kommt Paulus … (rechts) kraftvoll, fast kämpferisch daher. Beide tragen rote Mäntel. … Die Figurengruppe erscheint vor dem goldenen Grundriss eines Kirchenbaus. … Vorne auf der Mauer wurden (vielleicht vor langer Zeit) Darstellungen geritzt, gezeichnet. Die heilige Elisabeth von Thüringen, wie sie sich der Kranken annimmt…, der heiligen Bonifatius, der gerade tauft, auf der anderen Seite. An der Mauer wächst Wein empor, sinnlich real und präsent. … Die rote Farbe des Heiligen Geistes leuchtet in den Blättern und stellt den Bezug zu Petrus und Paulus her. Hinter der Mauer sieht man durch das klare Antikglas nach „draußen“. Die „Tore“ links und rechts laden ein, nun hinaus zu gehen: auch ganz konkret durch die Kirchentüren rechts und links. … Nach oben hin läuft das klare Glas in ein sogenanntes „goldrosa“ aus.

 

o Deutungsversuch

Thomas Jessen spricht davon, dass sein Bild eine Vision, ein Gebet sei. Im Vordergrund unserer Aufmerksamkeit stehen die zwei Mitte flach ansteigenden Mauerstücke, die durchbrochen sind. Erste Assoziation, die sich aufgrund der Verortung des Kunstwerks nahelegt, ist die Erinnerung an das Wunder der Wiedervereinigung unseres deutschen Landes. In dieser möglichen Perspektive stehen die Mauerteile dann sinnbildlich für die beiden Teile Deutschlands, die wieder zusammenwachsen müssen. Die golden aufleuchtende Mitte mit Maria sowie den Heiligen Petrus und Paulus zwischen den hermetisch abschließenden Mauerstücken könnte, dem Goldgrund der Ikonen orthodoxer Christen oder alter Buchmalereien folgend, als Hinweis auf die Gegenwart Gottes und sein Heilswirken in Zeit und Ewigkeit verstanden werden. Dank und Bitte angesichts der jüngsten deutschen Geschichte werden so in den Kirchenraum von St. Pankratius hereingeholt und vor Augen gestellt als Heilsgeschichte auch unserer lokalen Kirchengeschichte. Thomas Jessen legt aber ebenso eine eindrucksvolle ekklesiologische (=auf die Rede von Wesen und Auftrag der Kirche bezogen) Interpretation nahe: Die Apostelbegegnung im Schutzraum des Mantels der Gottesmutter vor dem goldenen Grundriss eines Kirchbaus, versteht der Künstler als Symbol für die ersehnte und erhoffte Ökumene. Diesem Hinweis folgend dürfen wir, wie ich meine, das ganze Fensterbild als Vision des Wunsches Christi aus seinen Abschiedsreden ausdeuten: „Sie sollen eins sein“ (Joh 17,21f). So wird der nicht ausdrücklich ausgeführte Ruf „ihr habt den Heiligen Geist empfangen“ und „ihr sollt meine Zeugen sein!“ (Vgl. Röm 5,5;1 Kor 3,16;Apg 1,8) doch hintergründig leitend. Die „sinnlich realen und präsenten“ Weintriebe, die im Vordergrund an den Wandstücken emporranken, „können als Symbol für die Glieder der Kirche, für jedes einzelne Gemeindemitglied gedeutet werden: Jeder hat seine eigene Größe, Färbung und Ausprägung.“ Hier ist die Kirche Jesu Christi lebendig. Die Farbe in den Blättern steht für den Heiligen Geist. Die Kirche (sh. die Mauerstücke) ist nach dem Sinne Christi momentan eine Ruine. Die Wandstücke müssen wieder zusammenrücken. In den verblasten Graffitis werden die Ansatzpunkte der Erneuerung thematisch benannt: Von Christus stammt der Auftrag, allen Menschen die Liebe im glaubwürdigen Beispiel (Hl. Elisabeth) vorzuleben und sie in ihre Gemeinschaft aufzunehmen (Verkündigung u. Taufe; Hl. Bonifatius). Maria (=Urbild der Kirche; ihr Beispiel: Was er euch sagt das tut) und die in den Aposteln symbolisierten Pole des Amtes, missionarisches Charisma und Dienst der Einheit (bekehrter Paulus, Knochenarm! u. demütiger Petrusdienst), leuchten als Leitbild der anzustrebenden neuen einen Kirche auf, die sich nie abschließen darf.

Text und Foto:

Ulrich Schmalstieg, Goslar

Künstlerseelsorger des Bistums Hildesheim

www.kuenstlerseelsorge-hildesheim.de

 

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